1997

Calenberger Zeitung, 27. 10. 1997

Zu Hause in Leveste
Die Unermüdliche 

"Ich bin die Vereinsmutter des Dorfes gewesen", sagt Christel Conrad. Nahezu 19 Jahre hat die gelernte Hauswirtschafterin mit ihrem Mann Kurt das Vereinshaus des TV Jahn Leveste geführt. Sie unterstützte nicht nur den Sportverein, sondern über Jahrzehnte hinweg auch tatkräftig den Kindergarten, die Feuerwehr und die anderen örtlichen Gemeinschaften, richtete Feste mit aus, organisierte und sorgte für die Bewirtung. Die temperament- und humorvolle Levesterin sammelte überdies alles, was sie an Zeitungsberichten, Mitteilungen und Dokumenten über ihre Ortschaft bekommen konnte. In einer ganzen Reihe dicker Ordner und Alben spiegelt sich die Geschichte Levestes aus der Nachkriegszeit wider.


Kochen für die Lehrer

  Als Christel Bockelmann in Bochum-Dahlhausen geboren, zog sie später mit der Familie an den Niederrhein und wurde dort evakuiert. Als 18jährige kam sie nach Polen, wo ihr die Aufgabe einer Lagerführerin im Landdienst übertragen wurde. Nach dem Krieg lief sie zu Fuß von Kassel zu den Eltern nach Leveste. Ihr Vater, der beim Militär Major war, hatte auf dem Levester Gut eine Anstellung als Inspektor erhalten. Christel Conrad wirkte in der örtlichen Schule mit, kochte für das Lehrerehepaar und kümmerte sich auch ein bißchen um die Schüler. Als ihre Mutter mehrere Schlaganfälle erlitten hatte, gab die Tochter ihre Arbeit auf, um die Betreuung der Kranken zu übernehmen.

Nach dem Tod der Mutter überredeten Karl Isemann und Otto Haller Christel Conrad. das 1971 eingeweihte Vereinsheim zu übernehmen. Gemeinsam mit ihrem Mann sorgte sie nicht nur dafür, daß die vielen sportlichen Veranstaltungen, Diskotheken, Feste, Sitzungen und Kurse reibungslos verliefen und im Haus gebührend gefeiert werden konnten. Auch um die Sportanlage kümmerte sich das Ehepaar immer wieder. Als Kurt Conrad nach schwerer Krankheit starb, führte seine Frau die Arbeit fort, nahm sich aber vor, mit 65 Jahren aufzuhören und hielt diesen Vorsatz auch ein. Die von ihr gestiftete Vereinsfahne erinnert den TV Jahn weiterhin an die aufopferungsvolle Arbeit der Con-rads zum Wohl der Mitglieder und des ganzen Dorfes.

Gäste kamen häufig auf die Sportanlage. Gern denkt die ehemalige Sporthauswirtin an eine bedeutsame Boxveranstaltung mit Teilnehmern aus Hamburg und Gelsenkirchen zurück, für die ein Zelt errichtet worden war. Sie erinnert sich an ein großes Manöver, für das die Levester Sportanlage den Ausgangspunkt bildete, und an Besuche befreundeter Polen oder Gruppen anderer Nationalitäten.

Unvergeßlich bleiben Christel Conrad aber auch die ungebetenen Besuche. 33 Einbrüche in das Sporthaus hat es in ihrer „Amtszeit" gegeben - und immer ist sie gleich nach Bekanntwerden der Tat mutig zum Sportplatz geeilt. Einmal hatten die Einbrecher 158 Bierflaschen an die Hauptwand des Heimes geknallt und die Pokale zertrümmert.

Christel Conrad

Zu den guten Erinnerungen gehört die aktive Zeit in der Levester Handballmannschaft. Sogar in der Deisterauswahl spielte die junge Sportlerin, die schon 1946 erstmals den Ball warf, damals mit.


Dorfchronik im Regal

Das Haus der Conrads an der Hauptstraße ist mit Zeugnissen aus der aktiven Zeit geschmückt. Neben vielen Fotalben mit Bildern der Familie, zu der heute der in Leveste lebende Sohn und die auswärts wohnende Tochter sowie zwei Enkel gehören, werden die Gästebücher und Ordner mit Dokumentationen sorgfältig aufbewahrt.

In den Ordnern wurden das politische Geschehen im Ort, das kirchliche Leben, die Vereinsarbeit und alle besonderen Ereignisse festgehalten. Zu den traurigsten Dokumentationen gehören Berichte über einen Unfall, bei dem 1967 ein Lastwagen einen Bus mit Kindern erfaßte und aufschlitzte. Ein neunjähriger Junge starb.

Christel Conrad legt auch heute noch nicht ihre Hände in den Schoß. Ihre Hauptbeschäftigung ist die Handarbeit. Sie sitzt am Spinnrad, strickt, häkelt, stickt und webt. Selbsthergestellte Teppiche, Wandbilder,Decken und Stuhlbezüge schmücken die gemütliche Wohnung. Darüber hinaus erfordert der Garten mit Laube und Teich ihren Einsatz. Die Kontaktpflege mit den Gartennachbarn und ihren vielen Bekannten in Leveste aber hat in Christel Conrads Leben einen besonders großen Stellenwert.

NORBERT PAATSCH