| Ein Bericht des Europäischen Tierhilfswerkes:
Das tödliche Geschäft der Hundedealer Golden Retriever sind unsere neuen Lieblinge. In der Werbung und in TV-Serien werden sie uns als die Familienhunde vorgeführt. Und auch für Tierexperten sind Retriever die “Pazifisten unter den Hunden”. Eigentlich. Denn immer öfter kommt es zu Zwischenfällen. Schlagartig und grundlos verwandeln sich die sonst so friedlichen Tiere in Bestien. Greifen wahllos Herrchen oder Frauchen und auch Kinder an. Und verkauft werden sie immer häufiger auf illegalen Tiermärkten. Für Tierschutzvereine gegenwärtig das größte Problem. Ein Bericht von Mark Rissi über das Elend hinter der Zucht von Modehunden. Und Erfahrungen von Tierschützern, die von den Hundedealern tätlich angegriffen wurden - wie Marco Brand vom Hersfelder Tierschutzverein, als er das Elend fotografierte. Die Transaktion auf der Autobahnraststätte dauert nur einige Minuten. Der Hundehändler hat es sehr eilig, murmelt etwas von weiteren Terminen, sackt rasch die 500 Mark ein und übergibt einer Mitarbeiterin von Mark Rissi einen fünfwöchigen Retriever-Welpen. Die Ahnentafel werde nachgeschickt. Keine Fragen, keine Instruktionen, nichts. Die Vorbereitungen zu diesem fragwürdigen Stelldichein dauerten
etwas länger. Es galt, den Verkäufer des Golden Retriever-Welpen
an einen Ort zu lotsen, der unbemerkt aus der Nähe aus dem verspiegelten
Lieferwagen heraus gefilmt werden konnte. Die Telefonnummer des Händlers
fand sich in einem Inserat in der Regionalpresse. Unsere Aufmerksamkeit
erregte die Nummer, da es eine Funknummer aus Dänemark war.
Wir waren einem üblen Hundedealer auf der Spur. Vorzugsweise
in Grenznähe zu Deutschland in Dänemark, Holland und Belgien
sowie Osteuropa unterhalten clevere Hundehändler regelrechte Hundefabriken.
Das Geschäft floriert. Die Nachfrage nach Modehunden und putzigen
Hundewelpen ist groß. Der Verkauf wird über Telefon abgewickelt.
Wenn genügend Bestellungen aus einer Region vorliegen, organisiert
der Händler die Übergabetermine, bevorzugt gleich auf Autobahnraststätten.
So verliert er weniger Zeit. Und kann schnell entkommen.
Bei dem Ehepaar W.* folgt die Ernüchterung nach knapp acht Monaten.
In den Anliegerstaaten zu Deutschland fahnden wir weiter nach unseriösen
Hundefabriken. In Belgien werden wir fündig. Alle drei
bis vier Jahre müsse er die Zuchthündinnen austauschen, da sie
ausgelaugt seien, gibt uns Züchter/Händler Schüilling zu
Protokoll, nachdem wir sein anfängliches Mißtrauen abbauen konnten.
Der Hundedealer hat guten Grund für seine Vorsicht: Er ist in mehreren
Bundesländern mit Schadensersatzklagen eingedeckt. Es war für
uns nicht einfach, sein Versteck ausfindig zu machen. Schüillings
Spezialität: Er produziert außerhalb der Landesgrenzen und verkauft
dann Welpen gleich massenweise im Raum Berlin und im süddeutschen
Ludwigshafen. Vor einigen Jahren wurde ihm der holländische
Standort Driel zu heiß. Er setzte sich ab. Die Spuren
führten uns nach Bilzen, einem kleinen, verschlafenen Dorf in Belgien,
strategisch gut gelegen im Grenzdreieck zu Holland und Deutschland.
Von hier aus organisiert Schüilling seinen Großhandel mit Hundewelpen.
In seiner Nachbarschaft verkauft er bewußt keine Welpen. Um
so größer war sein Mißtrauen, als wir ihn in seinem Wohnort
anrufen. Wir erzählen ihm von Verwandtenbesuchen in Holland
und Nachbarn die ihn empfohlen hätten. Erst als wir ablenken
und von unserem an Krebs verstorbenen Bobby erzählen, erklärt
er sich bereit, uns ausnahmsweise, sozusagen auf der Durchreise, für
einen Welpenkauf kurz zu empfangen.
Als Hundeaufkäufer getarnt ist es uns gelungen, in Ungarn einen Blick hinter die Kulissen der Hundemafia zu werfen. Das Geschäft mit dem unschuldigen Tier blüht. Es bringt reichlich Profit. Nicht nur in Ungarn. Auch in Polen und Tschechien 'arbeiten' die Tierfabriken auf Hochtouren. Auf belgischen Märkten laufen die miesen Geschäfte der Hundehändler weiter ohne Probleme - trotz eines offiziellen Verbots. Die wahren Schuldigen sitzen jedoch bei uns: Die skrupellosen Händler und Pseudo-Züchter, die die gequälten Tiere verkaufen. Und auch wir, die wir sie manchmal völlig unwissend in unser Heim holen, tragen Mitverantwortung für das Leid. Auf unserem Schreibtisch landete ein Fax aus Ungarn. "Wir exportieren Hunden , Katzen und Sittiche nach Deutschland", heißt es darin in holprigem Deutsch. Ein Tier-Großhändler in Ungarn sucht Kontakt zu deutschen Großabnehmern. Ab 20 Hunden gibt es Rabatt. Lieferung frei Haus. Dreist werden dann Hundewelpen angeboten. Nicht weniger als 68 Rassen stehen zur Auswahl. Weitere Rassen auf Anfrage. Außerdem Perserkatzen und Sittiche. Mit genauen Preisangaben. Ein Katalog des Grauens. Massenware Tier. Erstmals hat damit ein Hundehändler - der sogar über die Deutsche Handelskammer in Budapest als Ansprechpartner empfohlen wird (!) - ganz formell Kontakt aufgenommen. Um hinter die Kulissen schauen zu können, melden wir uns als Aufkäufer. Käufer, die jedoch die 'Ware' vorher sehen wollen. Eine Reise durch Zuchtanstalten des Grauens beginnt. Ein Fernsehteam des Privatsenders PRO 7 (der Beitrag wurde am 13. November in der Sendung “hautnah" ausgestrahlt) hat sich uns angeschlossen. Wir wollen mit einer versteckten Kamera beweisen, unter welch schrecklichen Bedingungen die Welpen aufgezogen werden. Der Großhändler im ungarischen Tatabanya ist von unserem Besuch überrascht. Völlig arglos klärt er seine vermeintlichen deutschen 'Kollegen' über die Modalitäten auf. Bestellung per Fax. Ein Drittel des Geldes als Anzahlung auf ein Konto, den Rest bei Lieferung. Geliefert wird an jede Adresse. Bis zu 100 Welpen können transportiert werden. Sonderwünsche werden erfüllt. Auch dem Wunsch nach besonders jungen Welpen kann entsprochen werden. “Vier Wochen alte Welpe sind kein Problem”, so die beiden Händler Frau L. und Herr S. (Namen der Redaktion bekannt). Auch Kampfhund-Welpen können geliefert werden. Erste Station ist ein Kleinzüchter von Bullterriern. Nach den Zuchtpapieren eine hervorragende Zucht. Aber Papier ist geduldig. Die Welpen sind zwei Wochen alt. Sie liegen in einem Schuppen, nahe einem Ofen. Die Mutter ist in einem Zwinger. Wir können die Welpen haben - im Alter von vier Wochen. Ein sicheres Todesurteil für die kleinen Welpen. Eine weitere Station - ein Vorhof der Hölle für Hunde.
Hier werden auch die in ganz Ungarn eingesammelten Welpen vor dem Transport
nach Deutschland oder in andere europäische Länder ‘zwischengelagert’.
Zwinger an Zwinger. Im Freien. Bei eisigen Temperaturen.
Kaum Schutz für die Tiere. In einem Zwinger drei Schäferhunde.
Etwa zehn Wochen alt. Sie haben den Transport verpaßt.
Jetzt sind sie zu alt für den Handel. Was geschieht mit ihnen?
“Die werden jetzt abgerichtet und dann als Wach- und Schutzhunde verkauft”,
so der Züchter. “An wen?” “Wer sie haben will."
Völlig unbefangen erzählt uns Großhändlerin L., daß gerade wenig Welpen zu haben seien. Ein großer Transport sei nach Spanien unterwegs. 100 Welpen. Sie werden mit einem Kleinlaster transportiert. Drei Tage dauert der Horrortrip. Vorsichtshalber fahren die Transporter nicht über Österreich, sondern über Italien und Frankreich. Da fragt kein Mensch nach dem Tierschutz. “Die Spanier sind ganz verrückt nach unserer Ware. Sie bestellen per Katalog", berichtet Frau L. voller Stolz. Nach einigen Zwischenstationen und weiteren Kleinzüchtern gegen
Abend ein Bild des Grauens. Ein sogenannter und selbsternannter 'Züchter'
bietet seine 'Ware' an. Endlos lange Reihen mit Garagen und Bretterschuppen
auf einem Feld. Eisiger Wind und feuchte Kälte. Er öffnet
die erste Garage. Darin eine Pinscher-Dame. “Für die Zucht."
Und in einer winzigen Box ein Bullterrier. Eingepfercht. Er
kann noch nicht einmal Stehen. Mit Drähten ist die Box verschlossen.
Der “Züchter” öffnet die nächste Garage. Totale Dunkelheit.
Kälte. Er knipst das Licht an. Haut ein paar Mal gegen
eine Bretterbox. Raus kommt eine Französische Bulldogge mit
ihren Welpen. Etwa drei Wochen alt. Einige können nicht
einmal auf ihren Hinterbeinen stehen. Sie leiden bereits sichtbar
an Gelenkverformungen. Warum haben die Tiere kein Licht? “Wenn
ich ein Fenster in die Garagen mache, sieht jeder, was dahinter ist.
Dann werden mir die Tiere gestohlen", so der Züchter kalt. Die
Tiere fristen ihr Dasein in Dunkelhaft. Nächste Garage.
Absolute Dunkelheit. Hier gibt es noch nicht einmal elektrisches
Licht. Eine traurig blickende Französische Bulldogge schaut
uns an. Sie sieht keinen Menschen. Einmal am Tag gibt es Futter.
Sonst muß sie warten. “Sie wird in den nächsten Tagen
gedeckt. Sie hat immer schöne Welpen", Stolz und Mitleidlosigkeit
in den Augen des Händlers.
Der Hundehandel blüht. Wie diese Agentur mit ihren Züchtern
- mehr als 3.000 soll es inzwischen allein in Ungarn geben - arbeiten alle
Gruppen. Einige im kleinen Stil. Sie schmuggeln die Jungtiere
über die Grenzen. Verkaufen sie per Kleinanzeigen oder auf Märkten.
Andere arbeiten mit deutschen Händlern oder selbsternannten '‘Züchtern’
zusammen. Andere wiederum wählen die 'Italien-Connection'.
Die Welpen werden nach Italien gebracht. Erhalten dort neue Papiere.
Und kommen als italienische Zuchttiere nach Deutschland. Der Dumme
ist immer das Tier. Und der Käufer.
Gesetze jenseits der Grenze greifen nicht. Und bei uns gibt es ebenfalls kaum juristische Mittel. Es bleibt nur die Aufklärung. Es bleibt nur die Information über derartige Machenschaften, um den Hundedealern und der Hundemafia das Handwerk zu legen. Und es bleibt nur die Kaufverweigerung: Keine Tiere bei dubiosen Händlern kaufen. Wie falsch die Angaben von offiziellen Stellen sind, zeigt der Brief der belgischen Botschaft über den Tiermarkt in Jüllich. “Seit Anfang dieses Jahres" ist der Handel untersagt heißt es dort auf offiziellem Papier. Die Realität sieht anders aus. Ein typisches Beispiel für behördliche Blindheit, wenn es um das Leid der Tiere geht. Doch nicht nur die Belgier sind blind. DTHW-Mitglied Ralf Seibold aus Ludwigsburg entdeckte bei einem Besuch in Paris auf dem Flohmarkt Puces Saint-Quen-Clignancourt Tierelend a la francaise. “Ich sah, wie mehrere Hunde eng zusammengepfercht und aufeinandergestapelt in einem rostigen Einkaufswagen zum Kauf angeboten wurden", schrieb er. Die Tiere waren allem Anschein nach sehr jung und sichtlich geschwächt. Und er betont: “Es fiel mir sehr schwer, von den Tieren wegzugehen, ohne sie mitzunehmen. Doch Mitleid ist genau der einkalkulierte Faktor dieser Mistkerle. Selbst wenn jemand alle Tiere mitnähme, stünde eine Woche später die nächste ‘Lieferung’ bereit, und weitere Hunde müßten dieses Schicksal erleiden." Er hat leider recht. Nur Nichtkaufen hilft. Besonders die Kooperationspartner des DTHW und des ETHW engagieren sich. Der Hersfelder Tierschutzverein kämpft vehement gegen die Tiermafia, genauso wie der Tierschutzverein Frankfurt/Oder und die Tierhilfe Jülich und Umgebung. Die Tierschützer in Brandenburg sehen sich mit wachsenden Problemen konfrontiert: Der Hundehandel an der deutschpolnischen Grenze blüht. Auch wenn die Zollämter die Tiere zurückweisen. Und die tragische Folge der Zollkontrollen: Viele lassen die kleinen ohnehin geschwächten Tiere an der Grenze einfach laufen oder werfen sie in die Oder. Eine Tragödie mit unglaublichen Ausmaßen. Der Tierschutzverein Frankfurt/Oder hat bereits Plakate an der Grenze aufgehängt um die bis zu 50.000 Tagestouristen vor dem Kauf von Hunden zu warnen. Doch unbelehrbare gibt es immer wieder. Bereits die ersten deutschen 'Zuchtfabriken' hat die Tierhilfe Jülich und Umgebung ausgemacht. In Wohnwagen und Pferdeboxen wurden regelrecht Fließband-Zuchten aufgezogen. Westhighland-Terrier, Malteser, Yorkshire-Terrier und Golden Retriever werden dort 'gezüchtet'. Die Tiere werden als entwurmt und geimpft verkauft. Die Papiere sind, wenn nicht gefälscht, zumindest zweifelhaft, da die Hunde fast immer krank oder aber aufgrund der Inzucht verhaltensgestört sind. Das Deutsche Tierhilfswerk hat zusammen mit dem Europäischen Tierhilfswerk
und dem Tierhilfswerk Austrias deshalb die Kampagne “Kampf der Hundemafia”
gestartet. Zusammen mit Tips zum Hundekauf soll den unseriösen
Händlern durch eine Datensammlung das Handwerk gelegt werden.
Eine 'schwarze Liste' der unseriösen Händler ist das Ziel.
Es kann jedoch nur durch Mitarbeit der Betroffenen erreicht werden.
Für die alten Bundesländer: Europäisches Tierhilfswerk
Für die neuen Bundesländer: Deutsches Tierhilfswerk
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