Erziehung von tauben Hunden
Mit Zeichen sprechen
Die Frage lautete: Erziehung von tauben Hunden - geht das?
Ich gebe die Antwort mit einer weiteren Farge: Warum nicht?
Taubheit wird von allen Lebewesen kompensiert, d.h. durch andere Sinnesorgane
mindestens teilweise ersetzt. Wir wissen vom Menschen, daß Taubheit
zur gesteigerten Fähigkeit vor allem im Bereich Sehen und Fühlen
führt. Genauso ist es beim Hund. Bereits als Welpe fängt er an
auf jede Erschütterung, die kleinste Vibration zu reagieren und dann
mit den Augen die Quelle herauszufinden.
Und genau daraus leiten sich die groben Merkmale für die Erziehung
von tauben Hunden ab:
Aufmerksamkeit wecken, d.h. den Hund dazu zu bringen, herzuschauen
und dann optisch zu kommunizieren.
Nichts anderes geschieht beim Umgang mit tauben Menschen: nachdem man
auf sich aufmerksam gemacht hat, "unterhält" man sich mittels Gebärden.
Dafür wurden eigene Sprachen entwickelt: die Gebärden-, Taubstummen-
oder Zeichensprache, in Amerika die American Sign Language (ASL).
Reagiert denn nun ein Hund auf Zeichen oder Gebärden? Dazu
muß der Hund erst gar nicht taub sein. Werden Kommandos wie 'Sitz',
'Steh' oder 'Revier' immer mit einer eindeutigen Handbewegung begleitet,
prägt sich der Hund mit der Zeit den Zusammenhang zwischen Geste und
Kommando ein und führt letztendlich die Befehle auch aus, und daß
sie akkustisch gegeben werden. Diese Lernfähigkeit unserer Vierbeiners
wird bei verschiedenen Einsatzgebieten bewußt angewendet, z.B. in
der Jagd, wo des öfteren alles Akkustische vermieden werden muß.
Berücksichtigt man jetzt noch, daß der taube Hund ein noch
wachsameres Auge hat als der hörende, dann ist er geradezu prädisteniert,
auf Zeichen zu reagieren.
Der Unterschied besteht nun darin, daß der hörende Hund
in der Regel zuerst das akkustische Kommando lernt - und das kann unser
tauber Freund nicht.
Aber langsam: der hörende Hund lernt das akkustische Kommando
auch nur als Zeichen - er hört ein bestimmtes vokales Signal,
z.B. 'Sitz', bekommt dabei einen leichten Druck auf den hinteren Rücken,
so lange, bis er sich hinsetzt, und dann wird er gelobt! Dieses vokale
Signal ist für den Hund völlig ohne Sinn und Inhalt, aber er
hat es gekoppelt mit einer Aktion seinerseits, für die er gelobt wird.
Diese Koppelung läßt sich nun auch an ein optisches Signal
herstellen. Erhält der Hund den erwähnten Druck auf den hinteren
Rückenteil, während gleichzeitig der rechte Zeigefinger des Besitzers
nach unten zeigt, so ist dies für den Hund ein Signal, das er eben
so schnell lernen kann, wie ein hörbares 'Zeichen'. Und gelobt
werden ist schön - ob man hört oder nicht hört, ganz
besonders wenn's jedesmal ein Leckerchen gibt.
Welche Zeichen soll man nun verwenden? Möglichst einfache
und eindeutige.
Natürlich könnte man jetzt bei der Volkshochschule einen
Kursus in Gebärdensprache machen - aber das wäre übertrieben.
Für die Grundausbildung genügen schon eta 10 Zeichen, und die
können Sie sich selbst ausdenken.
Wichtig ist nur, daß man konsequent beim gleichen Zeichen
für eine Aufforderung bleibt und daß sie sich deutlich von
einander unterscheiden. Auch hier der Vergleich zu den hörbaren Befehlen:
Bei 'Sitz' hört der Hund im Prinzip nur das helle 'i', umrandet von
zwei Zischlauten. Sagen Sie im 'Ziss', setzt sich der Hund trotzdem hin.
Sagen Sie ihm aber 'auf Deinen Hintern!', ernten Sie nur einen fragenden
Blick. Genauso verhält es sich mit Zeichen. Sie müssen unverwechselbar
sein, und nicht heute jenes und morgen ein anderes.
Zur Eindeutigkeit kommt noch die Sichtbarkeit. Für Kommandos,
die der Hund in der Regel dann ausführt, wenn er nahe bei mir ist,
sind verschiedene Handhaltungen oder Fingerstellungen völlig ausreichend.
Für Befehle, bei denen der Hund aber weiter weg sein kann, z.B. bei
'Hier!', sollten die Zeichen etwas großzügiger angelegt sein,
also Bewegungen die mit dem ganzen Arm ausgeführt werden. Trotz sehr
gutem Sehvermögen - der Hund kein Opernglas dabei.
Und versuchen Sie, möglichst bei Zeichen zu bleiben, für
die man nur eine Hand braucht. Einen tauben Hund haben sie öfters
an der Leine, vor allem während der Ausbildung, und damit ist schon
mal eine Hand belegt.
In welcher Reihenfolge der Hund die Zeichen lernt, ist an sich
genauso frei wählbar wie die Art der Zeichen. Bis auf eines: das
Zeichen für 'Brav!' sollte unbedingt zuerst verstanden werden.
Wenn ein Hund weiß, daß z.B. ein hochgereckter Daumen bedeutet,
daß er gleich gehätschelt und getätschelt wird, und vielleicht
auch noch ein Leckerchen dabei abfällt, erreichen Sie mehrere Dinge
gleichzeitig. Erstens lernt unser Freund, daß Handzeichen überhaupt
etwas bedeuten. Zweitens weiß er von Anfang an, daß Zeichen
etwas bewirken, in diesem Fall natürlich etwas Positives. Drittens
kann und soll dieses eine Zeichen jedes Familienmitglied und auch der Besucher
benutzen. Und viertens, das ist das wichtigste, der Hund prägt
sich ein, daß es sich lohnt, herzuschauen.
So weit, so gut. Aber wenn er nun partout nicht herschaut? Unterstellen
wir mal, es ist keine Absicht (was durchaus der Fall sein kann, wenn er
einfach seine Ruhe haben will).
Neben dem guten Sehvermögen entwickelt ein tauber Hund auch eine
hohe Sensibilität auf Erschütterungen. Kleinste Schwingungen
z. B. auf dem Boden kann er wahrnehmen. In der Wohnung genügt normalerweise
ein Stampfen auf den Boden und der Hund sucht mit den Augen die Ursache
der Vibration. Sieht er nun Sie mit dem 'Brav'-Zeichen (und einem
Leckerchen in der anderen Hand hinterm Rücken), dann ist seine Aufmerksamkeit
voll hergestellt.
Probieren Sie vor dem Stampfen auch mal andere Möglichkeiten.
Klopfen auf den Tisch oder in die Hände klatschen. Auch das verursacht
nicht nur Geräusche sondern Schwingungen.
Im Freien nützen solche Aktionen allerdings wenig. Sollten
Sie die Gelegenheit haben, Ihren tauben Freund gefahrlos ohne Leine draußen
laufen lassen zu können, brauchen Sie vielleicht ein paar Hilfsmittel.
Am einfachsten sind Dinge, die Sie in Richtung Hund werfen können,
z.B. kleine Bälle oder Stöckchen.
Oder funkgesteuerte Signale - zu denen später. |