Die Restaurierung des Ehrenmals 1997
von Peter Kühlechner
 

Es waren zwei Faktoren, die dem Denkmal in mehreren Jahrzehnten stark zugesetzt hatten. Einmal ist es die schattige Lage unter den hohen Bäumen hinter und neben dem Denkmal, darunter vor allem die riesige Eiche auf der rechten Seite, die heute ein registriertes Naturdenkmal ist. Durch die Ausrichtung nach Osten kommt nur in den Vormittagsstunden Sonne an die Steine. Also ideale Gegegebenheiten für Moos und Algen. Der zweite Umstand liegt in der Umwelt. Die Schadstoffe in der Luft und vor allem im Regen haben tief sitzende Verschmutzungen verursacht.

Im Frühjahr 1997 machte Helene Häck, die Witwe eines Gefallenen des Zweiten Weltkrieges, den Ortsrat darauf aufmerksam, dass man die Namen auf den beiden Seitensteinen kaum noch entziffern kann. Löwe Leveste

Ich habe dann zunächst einmal die beiden Seitensteine genauer betrachtet. Die eingemeißelten Namen waren zum Teil von Algen und Moos zugewachsen, die Farbe, mit der die Vertiefungen ausgemalt waren, war abgeblättert und größtenteils nicht mehr vorhanden.Ehrenmal
 
 
 
 

Das Eichenlaub oben auf den beiden Steinen war stark mit einem trockenen, spröden Moos verwuchert.

Zunächst kam mir die Idee, die Steine einfach mit einem Hochdruckreiniger zu säubern. Da ich die Gewalt von solchen Geräten kenne, befürchtete ich jedoch, dass hiermit noch mehr Schaden angerichtet wird. Der Thüster Kalkstein war stellenweise so weich, dass man mit dem Fingernagel Rillen einritzen konnte.
Wenn überhaupt, dann musste also eine schonendere Methode gefunden werden.
Ich testete auf der Rückseite, ob sich mit Sandpapier etwas ausrichten lässt - und es ging.

EhrenmalBeim mittleren Stein für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges war die Situation etwas anders. Der Naturstein, der hier verwendet wurde, hatte breite, tiefschwarze Umweltspuren. Bei einem Test stellte ich fest, dass diese schmierigen Verfärbungen bis mehrere Millimeter tief in den Stein gingen, wie von einem Schwamm aufgesogen. 

Dazu kamen 'Blüten' im Stein, die etwa handflächengroße Stellen aus der Oberfläche abgelöst hatten. 
Ehrenmal
Eingedrungenes Wasser und Frost taten den Rest.
Der Löwe auf dem Ehrenmal war noch in sehr gutem Zustand, nur stark verschmutzt und veralgt, der Stein allerdings lange nicht so weich wie der der beiden Seitensteine.

Was tun?
Eine Restaurierung war dringend angesagt. Gleichzeitig war jedoch schnell klar, dass dies eine kostspielige Angelegenheit werden würde - und die Kassen waren leer.
Blieb die Möglichkeit der Selbsthilfe.
Ich habe mich dann zunächst mit einem Fachbetrieb in Hannover in Verbindung gesetzt. Man bestätigte mir dort, dass es mit einer einfachen Grundreinigung nicht getan ist. Die Umweltschäden lassen sich selbst mit speziellen Maßnahmen zur Tiefenreinigung nicht vollständig beseitigen. Solche kostspieligen Maßnahmen würden auch nur noch bei sehr wertvollen Statuen angewendet. Die Alternative, wie sie auch bei der Renovierung der Gebäude am Hildesheimer Marktplatz angewandt wird, ist eine Ausbesserung der beschädigten Oberfläche und anschliessend eine Bemalung mit wetterfester Farbe, die im Ton an den natürlichen Stein angeglichen ist.

Ich machte dann dem Ortsrat den Vorschlag, dass der SPD Ortsverein die Restaurierung selbst durchführt. Die Materialkosten sollten durch die Parteikasse getragen werden. Der Vorschlag wurde nach kurzer Beratung angenommen, jedoch wollte die CDU die Hälfte der Kosten übernehmen und die Reinigung der Umfriedung durchführen.
Ehrenmal
So begann ich dann im Juni 1997 zusammen mit meinem Vize Karl-Heinz Hahn die Sanierung. Zuerst sollten nur die beiden Seitensteine in Angiff genommen werden.

Als allererstes wurde dokumentiert. Alle Namen und Daten wurden entziffert und notiert.
Stellenweise mussten alteingesessene Levester konsultiert werden, wenn ein Name nicht mehr eindeutig festgestellt werden konnte.

Ehrenmal
Die großen, geraden Flächen wurden nun mit einem Excenterschleifer zweimal abgeschliffen, zuletzt mit einer sehr feinen Körnung. Die Schriftvertiefungen wurden mit Hartholzstäbchen ausgekratzt. Das Eichenlaub wurde mit verschiedenen Drahtbürsten vorsichtig freigelegt. Es war so weich, dass man mit den Bürsten fast modellieren konnte. Staub und Schmutz wurden  mit einem Industriestaubsauger aufgenommen. 
 

Danach begann der staubfreie aber mühsame Teil der Arbeit: die Beschriftung.
Ähnlich dem Original wurde wieder eine dunkelrote, wetterfeste Farbe verwendet und Buchstabe für Buchstabe neu ausgemalt. Auf den beiden Seitensteinen waren dies immerhin über 2100 Buchstaben und Zahlen. Abend für Abend wurde so gepinselt - eine Geduldsarbeit in einer sehr unbequemen Körperhaltung. Die untersten Reihen mussten im Liegen gemalt werden. Gott sei dank kamen immer wieder Levester Bürger vorbei. Die hielten einen zwar von der Arbeit ab, aber die Motivation war nötig (und besonders hoch, wenn mal ein Fläschchen oder - wie geschehen - ein Dutzend Eier oder gar ein Geldschein für ein Abendessen mit der vernachlässigten Ehefrau vorbeigebracht wurden).

EhrenmalNachdem die Buchstaben-Malerei endlich fertig war, wurden beide Steine nochmals abgebürstet und abgesaugt und dann mit einer hochwertigen Steinversiegelung zweimal eingelassen. So wurde die offenporige Oberfläche unempfindlicher gemacht für die Angriffe aus Luft und Regen und weniger Nährboden für Algen und Moos geboten.
Die Steine wurden zwar dadurch wieder dunkler (frisch geschliffen sahen sie aus wie neu), erschienen aber dadurch auch wieder natürlicher.


Der erste Abschnitt war also geschafft.
Ein paar Tage zögerte ich, ob ich mich an den mittleren Stein wage. Der Zuspruch war jedoch groß - und ich nahm den kitzligen Teil der Aufgabe in Angriff.
Wieder zuerst eine Dokumentation der Namen und Daten. EhrenmalDann vorsichtig die losen Teile an den Steinblüten entfernt und die so entstandenen Löcher zugespachtelt.
Mit einem simplen Schnitzbesteck wurden nun an den Reparaturstellen die fehlenden Buchstabenteile wieder eingeschnitzt.
Nach vollständiger Aushärtung wurde dann die Namensplatte gestrichen. Aus teurer Fassadenfarbe und normaler Tönungsfarbe wurde ein Farbton gemischt, der dem Sandstein nahe kam und mit einer Kurzflorrolle aufgetragen. 

EhrenmalDann folgte die Neubemalung der Namensvertiefungen. Dies gestaltete sich wesentlich aufwendiger als bei den beiden Seitensteinen. Dort waren es die Mengen an Buchstaben und Zahlen, hier war es die verschnörkelte Schrift mit ihren spitz auslaufenden Serifen. Aber auch das war irgendwann geschafft.

Zuletzt wurden die Seitenteile abgeschliffen, ähnlich wie an den beiden Seitensteinen. Die Fugen zwischen den Steinen waren teilweise ausgewaschen und wurden neu verfugt, um Frostschäden vorzubeugen.

Dann ging es an die abschliessende Reinigung. Der Sockel des Mittelsteins und die gemauerte Umfriedung wurden mit einem Hochdruckreiniger auf Vordermann gebracht. Gärtner Bartels stellte dankenswerterweise das Wasser aus seinem Brunnen zur Verfügung. 
Und - obwohl nicht geplant - auch der Löwe wurde mit 160 bar gewaschen, er hatte es nötig.
Heinrich-Ernst Lüders, Konrad Schraube, mein Sohn Martin und ich waren allerdings anschliessend ebenso reif für eine Generalreinigung.
 

Ehrenmal

vorher ...

Ehrenmal nachher

nacher ...

Rechtzeitig zur Kranzniederlegung anlässlich der 75-Jahr-Feier des TV Jahn Leveste waren die Arbeiten am Ehrenmal abgeschlossen. Rund 200 Arbeitsstunden und DM 400.- Materialkosten wurden investiert.
Es hat sich gelohnt. Nicht nur für das Ehrenmal. Fast noch wichtiger als die Restaurierung war die praktische Demonstration dessen, was ich immer so leichtfertig fordere:

"Nicht reden, machen!"

Fotos: pk