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von Rainer Gerd Fenner
Mitten im Dorf
Leveste erhebt sich ein spitzer, schiefergedeckter Turm, immer noch
höher als alle Gebäude und Bäume des Dorfes. Dieser
Turm ist der Glockenturm der St. Agatha-Kirche, deren 750jähriges
Jubiläum die Ev.-luth. Kirchengemeinde Leveste vor 22 Jahren
feiern konnte. Äußerlich ein recht schmuckloser Bau,
verbirgt sein Inneres eine bedeutende und unerwartete Kostbarkeit.
Wer die Kirche das erste Mal durch das gotische Portal auf deren
Nordseite betritt, wird einen Augenblick überrascht inne halten,
wenn er den Blick nach links wandern lässt. Tritt der Besucher
dann unter der Orgelprieche hervor, die den Eingangsbereich überdeckt,
steht er unter einem vollständig mit Fresken ausgeschmückten
Gewölbe, das die drei Joche des Kirchenraumes überspannt.
Als Fresken bezeichnet man eine Maltechnik, bei der in Wasser
angeriebene kalkbeständige Farben auf frischem (ital.: fresco),
also kurz vorher aufgetragenem Kalkputz aufgemalt werden. Die Farben
dringen in die noch nasse Putzschicht ein und bleiben nach dem Trocknen
unlöslich mit ihr verbunden. Da bei dieser Technik das einmal
Begonnene noch am selben Tag vollendet sein muss, werden große
Fresken abschnittsweise ausgeführt, was eine genaue Vorplanung
des Ganzen erfordert. Als Hilfsmittel dienen hierzu Kartons
mit Vorzeichnungen in der Größe des Originals, deren
Umrisse auf die zu bemalende Wand übertragen werden. Fresken
kannten bereits die Ägypter und Babylonier vor mehr als 3000
Jahren. Im Mittelalter wurden viele Kirchen mit Fresken ausgemalt.
Wenn wir nun erfahren, dass die Fresken der St. Agatha-Kirche
rund 600 Jahre alt (!) und bis auf ganz wenige Ergänzungen
vollständig im Original erhalten geblieben sind, können
wir ermessen, welches Juwel wir hier vor uns haben. Diesen
sehr guten Erhaltungszustand dieser Malereien haben wir dem Umstand
zu verdanken, dass einige unserer Vorfahren derartige Bildwerke
in Kirchen ablehnten. In der frühchristlichen Kirche war
zunächst ein förmlicher Kunsthass entstanden. Die altklassischen
künstlerischen Bestrebungen waren so sehr von heidnischen Tendenzen
durchdrungen, dass man alles sinnlich Schöne aus dem Bereich
der Religion zu verbannen suchte. So wurden in dieser Zeit nur die
altbekannten christlichen Symbole wie Kreuz, Fisch, Lamm, Taube
bildlich dargestellt. Erst im 2. und 3. Jahrhundert treffen wir
neben diesen Symbolen auch Bildnisse Christi in den Kirchen an.
Allmählich fanden auch andere bildliche Darstellungen Eingang
in die Kirchen, nicht ohne entschiedenen Widerstand mancher Kirchenlehrer.
Die Verehrung der Märtyrer und Heiligen bewirkte aber schließlich,
dass es üblich wurde, Kirchen mit den Bildnissen bestimmter
Heiliger zu schmücken, die zu diesem Gotteshaus in besonderer
Beziehung standen. Dazu gehörten auch Darstellungen aus ihrem
Leben aber auch die von christlicher Heilsgeschichte. Der große
Kirchenlehrer Papst Gregor I. (540 – 604) verteidigte in seinem
Brief an Serenus von Marseille diese Handhabung, denn “dass solche
Bilder die Bücher der Armen seien, aus welchen sie, die nicht
lesen könnten, die Kenntnis der heiligen Geschichte schöpften
und so zur Frömmigkeit und Nacheiferung angetrieben würden.”
Auch im Mittelalter gab es nur wenige Christen, die lesen konnten.
So war dieses Bilderbuch christlicher Heilsgeschichte und Erfahrungen
auf den Wänden und Gewölben der Kirchen ein wichtiger
Botschafter des Evangeliums. In der Reformation war es zunächst
allgemein üblich, die Bilderverehrung in den evangelisch gewordenen
Kirchen abzulehnen. Bei der bildlichen Darstellung gab es jedoch
unterschiedliche Auffassungen. Selbst Luther gestattete schließlich
die Beibehaltung der Bilder in den Kirchen, nachdem er anfangs für
deren Entfernung eingetreten war. Anlass war wohl das gewaltsame
Auftreten des fanatischen Reformators Karlstadt als Bilderstürmer
in Wittenberg 1522. Es gab aber immer wieder in der Kirche Kräfte,
vor allem in der Reformierten Kirche, die durch strenges Festhalten
am Buchstaben der Bibel jede bildliche Darstellung Gottes und seiner
Heilsgeschichte verhindern wollten. Heute würde man sie als
Fundamentalisten bezeichnen. So ist es zu erklären, dass
vermutlich auch im 16. Jahrhundert die bis dahin reiche Ausmalung
unserer St. Agathenkirche unter einer dicken Kalktünche verschwand.
Damit blieben unsere Fresken einige Jahrhunderte bis zum Sommer
1924 nicht nur dem Gottesdienstbesucher verborgen sondern durch
diesen überdeckenden Kalkanstrich auch vor äußeren
Einflüssen – wie Ofenruß – geschützt und haben diese
lange Zeit deshalb in erstaunlicher Frische überdauert. Viele
andere Kirchen, wie die Margarethenkirche in Gehrden, hatten nicht
dieses bewahrende Glück. Ihre Ausmalungen gingen leider verloren.
Umso bedeutender war die Überraschung, eine echte Sensation,
als bei Sanierungsarbeiten im August 1924 aus Anlass einer Kirchenvisitation
die ersten Teile der farbigen Ausmalung unter der Kalktünche
sichtbar wurden.
Das war tatsächlich eine Sensation,
die Aufdeckung der Jahrhunderte alten Malereien im Jahr 1924!
Man wusste zwar bereits seit den 80iger Jahren des 19. Jahrhunderts
– wie der damalige Levester Pastor Pückel (1879-1891) feststellte
-, dass unter der weißen Kalktünche des Gewölbes
Malereien verborgen wären. Am Tage seiner Amtseinführung
erfuhr Pastor Grahle (1904-1926) davon und wollte gleich handeln.
Dazu motivierte ihn auch Freiherr Knigge, dem dieser verborgene
Schatz ebenfalls schon bekannt war. Doch der Kirchenvorstand
blockte bei seiner ersten Sitzung dieses Ansinnen ihres neuen Pastors
vehement ab. Die Gemeinde sei dagegen, es würde zu teuer. Mit
dieser Begründung habe sie bereits in den 80iger Jahren ein
gleiches orhaben von Pastor Pückel verhindert. Jetzt würde
es sicher noch teurer, und man wisse ja auch gar nicht, was alles
unter der Tünche verborgen sei. Jedenfalls wäre die Gemeinde
jetzt mit ihrer Kirche zufrieden. Punktum! So blieb schließlich
alles beim Alten bis zur Kirchenvisitation im August 1924. 20 Jahre
waren ungenutzt vergangen! Der Superintendent hatte nämlich
diese verborgenen Malereien in seinem Visitationsbericht an das
Landeskirchenamt erwähnt. Der Provinzial-Konservator
(Denkmalpfleger des Landes) Prof. Siebern erhielt ebenfalls
Kenntnis und sah es als seine Pflicht, dieser Sache auf den Grund
zu gehen. Wie Pastor Grahle berichtete, erschien Prof.
Siebern eines Tages im Levester Pfarrhaus, um sich vor Ort ein Bild
zu machen. Pastor Grahle war gar nicht begeistert, befürchtete
er doch, dass hohe Kosten auf die Gemeinde zukommen würden,
wenn eine Freilegung beschlossen werden sollte. Er meinte,
die Gemeinde würde sich in einem Gotteshaus nicht mehr wohlfühlen,
wo die sicher beschädigten Malereien nach der Freilegung ihre
Andacht störe. Sie würde davon ausgehen, dass die Malereien
durch die Übertünchung fraglos gelitten hätten.
Prof. Siebern hielt dagegen, die Andacht solle durch die alten
Malereien nicht gestört sondern eher gefördert werden.
Es wäre nicht seine Absicht, nur das Alte freizulegen, sondern
beschädigte Teile würden ausgebessert und Fehlendes ergänzt.
Nicht alles würde nachgemalt, sondern die Malereien, die
man auffinden würde, sollten wie ein Teppich wirken. Und gerade
das wäre für die Andacht wohltuend. So versuchte
er den Pastor zu beruhigen und ging mit ihm nun zur St. Agathenkirche
hinüber. Als beide die Kirche betraten, war Prof. Siebern doch
sehr betroffen über deren Zustand. Zwar war alles sehr sauber,
die weiß lackierten Bänke und Priechen und das
frisch weiß getünchte Deckengewölbe. Aber der ganze
Raum in seiner grell-weißen Farbe wirkte sehr kalt und nüchtern.
Die Wände und die Gewölbe waren damals noch von vier Priechen
halb verdeckt. Eine auf der Südseite und zwei auf der Nordseite,
dazu noch die Prieche vor der Orgel. Prof. Siebern stieg
nun an der südlichen Prieche empor, da er in den Gewölbezwickeln
Malereien vermutete. So schabte er dort mit einem Federmesser die
Kalktünche vorsichtig weg und es kamen sofort Farben zum Vorschein.
Schnell stellte er fest, dass sich hier offenbar zwei Freskenschichten
übereinander befanden. Später erkannte man, dass die obere
Schicht aus der Barockzeit stammte, darunter aber die heute noch
vorhandene gotische Ausmalung aus der Zeit um 1400. Voller
Begeisterung über seine Entdeckung legte Siebern nun nach und
nach unter größter Vorsicht den blondgelockten Kopf einer
Frau frei. Es war der Kopf der Märtyrerin St. Juliana,
die wir heute im südwestlichen Gewölbezwickel bewundern
können. Den Teufel, den sie mit dem Zeichen des siegreichen
Kreuzes in ihrer Rechten überwunden hatte, hält sie an
einer Kette fest. Jetzt war natürlich zu vermuten,
dass unter der Kalktünche noch mehr von der gotischen Ausmalung
verborgen sein müsste. Nun ging alles sehr schnell.
Prof. Siebern veranlasste, dass der stellungslose Kirchenmaler Martin
Gotta mit weiteren Nachforschungen und schließlich mit der
Wiederaufdeckung und Restaurierung der gesamten Freskenmalerei beauftragt
wurde. Er arbeitete den ganzen Winter 1924/25 intensiv an
dieser gewaltigen Aufgabe und hatte sie am 26. Mai 1925 zur Trauung
der Annina Freiin Knigge mit Burghard von Gadenstedt weitgehend
beendet. Dabei wurden die Priechen auf Nord- und Südseite des
mittleren Joches beseitigt, denn sie hätten sonst große
Teile des freigelegten Gewölbefreskos verdeckt.
Fast unvorstellbar, wie im Laufe eines halben Jahres aus einem tristen
Kirchenraum ein Kirchenschiff wurde, dessen weitestgehend noch im
Original vorhandene Fresken hieraus einen Festsaal machten,
der noch heute viele Kirchenbesucher zu begeistern vermag.
Eine Ironie der Geschichte: Die Kalktünche, mit
der man seinerzeit die unwillkommenen bildlichen Darstellungen vor
den Augen der Gottesdienstbesucher verbergen wollte, hat gerade
zum Schutz und zur Bewahrung dieses großartigen Bildteppichs
über Jahrhunderte ent scheidend beigetragen. Inzwischen
mussten die Fresken 1961/62 und zuletzt sehr gründlich 1996
erneut saniert werden. |